Designing Designability – Gestaltbarkeit gestalten

Rückblick: World Industrial Design Day FRM26

Von Rebecca Espenschied

Wie lässt sich Gestaltbarkeit gestalten? Diese Frage stand im Zentrum des World Industrial Design Day FRM 2026, der am 10. Juni in der Evangelischen Akademie in Frankfurt stattfand. Eingeladen hatten der Deutsche Werkbund Hessen und Denzinger Gestaltung im Rahmen der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main. Grußworte sprachen Pradyumna Vyas, Präsident der World Design Organization, sowie Kai Rosenstein, Vertreter der WDC Frankfurt Rhein-Main 2026. Vyas betonte die gesellschaftliche Verantwortung der Disziplin und ihre Rolle im Kontext der UN-Nachhaltigkeitsziele. Rosenstein setzte den Abend in den Kontext der WDC-Woche. Physische Begegnung, so seine These, ist nicht durch digitale Vernetzung ersetzbar. Designing Designability verstehe Design nicht als Endprodukt, sondern als Treiber sozialer Transformation.

Nach einer Einführung von Jochen Denzinger näherten sich fünf Vorträge dem Thema Design nicht als Formgebung, sondern als Praxis, die bei der Definition von Problemen und Systemen selbst ansetzt.

Gestaltung beginnt mit der Frage

Jochen Denzinger eröffnete den Abend mit einer inhaltlichen Einführung, die den Maßstab setzte – am Beispiel Trinkwasser. Je nachdem, ob Wasser als Flasche, Logistik oder Infrastruktur gedacht werde, verändere sich die Problemstellung. Design beginne daher nicht bei der Lösung, sondern bei der Frage, was überhaupt als Problem gefasst werde.

Unter Bezug auf Richard Buchanans vier Designebenen [1] sowie Lucius Burckhardts Diagnose, Design müsse in die Institutionen eingreifen und dürfe nicht in den zugeteilten Bedingungen verharren [2], wurde deutlich: Gestaltbarkeit heißt auch, Problemräume selbst zu erkennen und zu definieren. Mit Horst Rittels Formel brachte Denzinger es auf den Punkt: „Learning what a problem is, is the problem.“ [3]
 

Systeme sind gestaltbar

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Birgit Mager, Pionierin des Service Designs in Deutschland, begann mit einer nüchternen Diagnose: Die deutsche Industrie investiere nach ihren Berechnungen pro Mitarbeiter jährlich rund 3.270 Euro in Forschung und Entwicklung, der Dienstleistungssektor jedoch gerade einmal 134 Euro. Ein Missverhältnis, das sich im Design spiegelt: Wer an Gestaltung denkt, denkt immer noch zuerst an Produkte. Dabei entstehe, so Mager, Wertschöpfung häufig erst in Systemen. Am Beispiel Eindhoven zeigte sie, wie Service Design bestehende Systeme neu rahmen kann. Neun Institutionen verwalteten dort über Jahre Straßenprostitution und Abhängigkeit, ohne strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Magers Team formulierte das Problem neu und setzte damit gleichzeitig einen Veränderungsauftrag für das Projekt. Durch Lernangebote, individuelle Begleitung und neue Perspektiven wurde ein Übergang aus dem bestehenden System heraus ermöglicht. Service Design, betonte Mager, beginne mit der Weigerung, gegebene Rahmenbedingungen als unveränderlich hinzunehmen. Designer*innen trügen eine Verantwortung, die ökonomischen Modelle ihrer Auftraggeber kritisch zu hinterfragen und Alternativen vorzuschlagen. Dies gelte gleichermaßen für staatliche Digitalisierung oder alternative Wirtschaftsmodelle.
 

Den eigenen Kontext verändern

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Harald Gründl, Co-Geschäftsführer von EOOS Wien, stellte eine einfache Frage in den Mittelpunkt: Wofür werden die Kompetenzen des Industriedesigns eigentlich eingesetzt? Er eröffnete seinen Vortrag mit Victor Papaneks Polemik aus Design for the Real World (1971): Es gebe Berufe, die mehr Schaden anrichten als das Industriedesign, aber viele seien es [4]

EOOS arbeitet seit 2008 bewusst in sozialen und humanitären Kontexten, von Sanitärsystemen in Slums bis zu Infrastrukturprojekten für Geflüchtete. Die Projekte zeigten zumeist ein wiederkehrendes Muster: Die technischen Komponenten existierten hierfür bereits, was jedoch häufig fehlte, war ein Designkonzept, das sie in einem funktionierenden System zusammenbrachte. Einen Unterschied bei der Gestaltung zwischen sozialem und kommerziellem Design lässt Gründl dabei nicht gelten. Das blaue Klo im Slum wird mit demselben Designanspruch und derselben Leidenschaft gestaltet wie ein Möbel für den Showroom. Doch gelegentlich gerate man innerhalb der Projekte an Grenzen, so Gründl. Als kein Hersteller eine geeignete Handwascharmatur liefern wollte, produzierte EOOS 15.000 Stück selbst. „Eine Sache, die ich 30 Jahre lang ausgeschlossen hatte – dass ein Designbüro selbst produziert.“

Abschließend gibt Gründl Papaneks Formel als Einladung ans Industriedesign weiter: 10 Prozent der eigenen Arbeitszeit für 75 Prozent der Probleme der Menschheit einzusetzen.
 

Mit Gebäuden lernen

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Uli Blum, Leiter des Analytics-and-Insights-Teams bei Zaha Hadid Associates und Professor an der msa Münster, zeigte Architektur als von Daten informierten Prozess. Sein Befund des Status Quo war ernüchternd: 36 Prozent der Büroarbeitsplätze werden nicht genutzt, 60 Prozent der Besprechungsräume stehen leer. Gebäude, so Blum, seien chronisch nicht spielfähig. Architekten entwerfen, ohne zu wissen, wie Räume tatsächlich genutzt werden, weil dieses Wissen bislang unsichtbar war.

Datenanalyse und KI verschieben diese Grenze des Unsichtbaren. Sichtachsen, Kommunikationspotenziale, Bewegungsströme, Lichtqualität – all das lässt sich heute messen, visualisieren und in Echtzeit in den Entwurfsprozess zurückspielen. Ein Hochhaus kann so beispielsweise in über 100.000 Varianten untersucht werden. Das Ziel ist kein optimal berechnetes Gebäude zum Zeitpunkt der Fertigstellung, sondern eines, das über seine Lebenszeit lernt und sich an seine Nutzerinnen anpasst.

Im Zentrum steht also nicht nur die reine Optimierung, sondern die Frage nach den Kriterien der Gestaltung. Die entscheidende Frage „Wer legt die Kriterien fest, nach denen optimiert wird?“ beantwortete Blum klar: Letztlich seien es die Nutzenden. Nicht alle Arbeitsplätze wollten, könnten und böten dasselbe für unterschiedliche Zwecke. Gestaltbarkeit bedeutet hier, ein Gebäude zu entwerfen, das für jeden den richtigen Ort bereithält. Und das setzt voraus, individuelle Bedürfnisse überhaupt erst sichtbar zu machen.
 

Resilienz entsteht durch Strukturen

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Judith Augustin und Sophie Dobrigkeit, beide aktiv im Deutschen Design Club (DDC), setzten den Abend in einen unbequemen Kontext, indem sie den Blick auf die eigene Branche richteten. Obwohl viele Absolventinnen im Design ausgebildet werden, bleiben Führungspositionen ungleich verteilt. Laut World Economic Forum werde bei gleichbleibendem Tempo die globale Genderlücke erst im Jahr 2148 geschlossen.[5]

Um diesen Zustand zu verändern, haben Augustin und Dobrigkeit konkrete Hebel entwickelt und erprobt. Mit Projekten wie Women of DDC [6], Counter und der Women’s Design Academy machen sie diese Strukturen sichtbar, dokumentieren sie und setzen Veränderungsprozesse in Gang. Die Botschaft des Vortrags: Resilienz entsteht nicht dadurch, dass Einzelne belastbarer werden, sondern ist Ergebnis von dauerhaft eingebetteter Vielfalt in Entscheidungsprozessen. Dafür bedarf es einer Systemänderung – für Frauen, queere Personen, Menschen mit Migrationsgeschichte, also für alle, deren Talent ohne strukturelle Öffnung unsichtbar bleibt.
 

Ein Kontinuum der Gestaltbarkeit

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Prof. Dr. Jens Krzywinski, TU Dresden und Fraunhofer DesignLab [7], schloss den Vortragsreigen mit einem Werkstattbericht. Sein Fazit vorweg: Wenn man Gestaltbarkeit gestalten will, gibt es nicht die eine Grenze, die man überquert. Vielmehr handele es sich, wie Krzywinski es formulierte, um „ein Kontinuum – und dieses Kontinuum macht verdammt viel Arbeit.“

Am Beispiel interdisziplinärer Forschung und des Projekts Cosmo – ein 160 Quadratmeter großer Wissenschaftsraum in der Dresdner Innenstadt als Versuch, die Grenze zwischen Disziplinen, zwischen Universität und Gesellschaft, physisch aufzuheben, wird deutlich, dass Gestaltung dort entsteht, wo unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt werden. Relevant werde Forschung erst, so Krzywinski, wenn man damit rausginge und aushalte, dass man dabei auch Gegenwind bekommt.

Abschließend betonte er die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz als ein Feld, das aktuell alle Grenzen neu verhandelt, indem sie Interdisziplinarität fördere, weil disziplinäre Perspektiven unmittelbar verfügbar seien. Gleichzeitig seien KI-Modelle – obwohl öffentlich verfügbar – als bewusst beschränkte Hochleistungsmodelle limitiert.

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Gestaltung als Haltung

Zum Abschluss wird der gemeinsame Faden sichtbar: Design zeichnet sich dadurch aus, dass es Grenzen nicht hinnimmt, sondern aus eigenem Antrieb neu definiert. Designing Designability beschreibt in diesem Sinne keine Methode, sondern eine Haltung: die Weigerung, die Rahmenbedingungen des eigenen Handelns als gegeben zu akzeptieren, und die Bereitschaft, die Bedingungen von Gestaltung selbst zum Gegenstand von Gestaltung zu machen.

Anmerkungen

  1. Buchanan, R. (1992). Wicked Problems in Design Thinking. Design Issues, 8(2), 5–21. https://doi.org/10.2307/1511637
    Buchanan, R. (2015). Worlds in the Making: Design, Management, and the Reform of Organizational Culture. She Ji: The Journal of Design, Economics, and Innovation, 1(1), 5–21. https://doi.org/10.1016/j.sheji.2015.09.003
  2. Burckhardt, L. (1995). Design ist unsichtbar (1980). Wiederveröffentlicht. In H. Höger (Ed.), Lucius Burckhardt – Design = unsichtbar (pp. 15–24). Cantz.
  3. Rittel, H. W. J. (1988). The Reasoning of Designers. [Arbeitspapier A-88-4]. Universität Stuttgart. https://mafiles.maxfrischknecht.ch/...
  4. Papanek, V. (1985). Design for the Real World: Human Ecology and Social Change. Thames & Hudson. https://doi.org/10.1145/1278940.1278958
  5. https://www.weforum.org/publications/global-gender-gap-report-2023/
  6. https://www.ddc.de/de/puls/women-of-ddc.php
  7. https://designlab.works/

Datum

25.06.2026

Verfasser

Rebecca Espenschied

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