Produktausstellung: Rote Karte

Vor 60 Jahren, im Verlauf der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 kam es während der Viertelfinal-Begegnung zwischen Argentinien und England zu teils aggressiven Auseinandersetzungen zwischen den Mannschaften, die durch den deutschen Schiedsrichter Rudolf Kreitlein zunächst mündlich verwarnt wurden. Als der argentinische Spieler Antonio Rattin die Verwarnungen aber nicht akzeptieren wollte und lautstark auf den Unparteiischen einredete, verwies dieser ihn des Platzes. Der Platzverweis musste nach Tumulten mit Hilfe der Polizei durchgesetzt werden; sieben Minuten wurde die Partie unterbrochen. Rattin sagte später, er habe nicht verstanden, dass der Schiri ihn vom Platz geschickt hatte.
Es gab für Verwarnungen bei groben Regelverstößen oder Unsportlichkeiten bis dato kein einheitliches Zeichen. Die Schiedsrichter mussten alleine für die Durchsetzung ihrer Ermahnungen sorgen.
Kreitlein gab sich mit diesem Graubereich nicht zufrieden. Gemeinsam mit dem englischen Schiedsrichterbetreuer der FIFA, Ken Aston, erfand er als Instrument zur einheitlichen, regelkonformen und von den Spielern unmissverständlich verständlichen Verwarnung die Gelben und Roten Karten.

Seither wissen alle Spieler*innen um die Bedeutung der Signalkarten. Wann Unsportlichkeiten eine gelbe oder rote Karte nach sich ziehen, ist in den Regelwerken der Fußballverbände genau definiert. Eine Gelbe Karte stellt eine Verwarnung dar, zweite Gelbe Karten summieren sich zu einer Roten Karte und beenden das Spiel für den Empfänger sofort. Bei groben Unsportlichkeiten oder einem Handspiel im Strafraum ist die Rote Karte ohne Vorwarnung fällig. Genauso geregelt ist, dass fünf Gelbe und eine Rote Karte ein oder mehrere Spiele Sperre für den verwarnten Spieler nach sich ziehen. Soweit schien ein regelbasiertes Ordnungssystem einen fixen Wert im Kosmos des Spiels aufzuweisen. So werden öfters Gelb-verwarnte Spieler ausgewechselt, um einer Roten Karte zuvorzukommen und im Hinblick auf eine mögliche Sperre im nächsten Spiel, insbesondere im Verlauf internationalen Turnieren, wirken die Karten extrem disziplinierend. Regeln gelten ja - diese Gewissheit einte - für Alle gleichermaßen.
Doch in Zeiten willkürlicher Einflussnahmen und der Bereitschaft, Regelbegriffe zum eigenen Vorteil zu dehnen, wenn es die Macht der Einflussnahme ermöglicht, scheint die Gültigkeit universeller Regeln anpassbar. Sind Konsequenzen des eigenen Handelns künftig verhandelbar und können deshalb ignoriert werden? Werden Verwarnungen künftig obsolet, da sie am Verhandlungstisch zurückgenommen werden könnten?
Die Produktausstellung des Deutschen Werkbunds Hessen soll zur Reflexion dieser Gedanken anregen.