Nachruf Lore Kramer
Geboren 10. August 1926, verstorben am 22. März 2026

Professor Lore Kramer hat eine Hochschule und mehrere Generationen von Studierenden geprägt. Als präzise und gleichermaßen humorvolle Kommentatorin, Zeitzeugin und zuletzt auch Vermittlerin des Werkes ihres Ehemannes Ferdinand Kramer († 1985) ermöglichte sie vielen einen sehr persönlichen, umfassenden und deswegen einzigartigen Blick auf die klassische Moderne und insbesondere das Neue Frankfurt.
Lore Kramers Idee von Design war eine soziale – Design und die Gestaltung der Umwelt waren für sie immer auch Gestaltung von Gesellschaft. Ein Ansatz, der wie das WDC-Jahr in Frankfurt und dessen Motto »Design for Democracy« zeigen, kaum aktueller sein könnte.
Geboren 1926 und großbürgerlich aufgewachsen in Berlin, studierte Lore Koehn nach dem Krieg in Stuttgart, Hamburg und Köln Kunstgeschichte und Bildhauerei, machte Praktika als Steinmetzin und eine Ausbildung zur Töpferin. Lehrer wie Otto Lindig, Joseph Jaeckel der ehemalige Bauhäusler Gerhard Marcks prägten sie.
1956 kam sie als Dozentin für Keramik an die Werkkunstschule Offenbach, deren Entwicklung zur Hochschule für Gestaltung 1970 sie maßgeblich begleiten sollte. 1961 heiratete sie den Architekten Ferdinand Kramer, mit dem sie drei Kinder hatte. 1974 wurde sie als Professorin für Designgeschichte berufen und arbeitete auch nach ihrer Emeritierung 1988 noch zehn weitere Jahre als Lehrbeauftragte an der HfG Offenbach. Sie publizierte zahlreiche Texte zur Designgeschichte, Neuen Sachlichkeit und Moderne und war von 1992 bis 2009 Mitglied des Vorstand des Bauhaus-Archivs.
Die HfG Offenbach als Institution verdankt Lore Kramers Engagement wesentliche Impulse – sie bereitete die Transformation der Werkkunstschule Offenbach in eine Hochschule für Gestaltung vor. In bewusster Kontinuität von Bauhaus – Untertitel Hochschule für Gestaltung (1926–1933) und der nach dem Krieg gegründeten Hochschule für Gestaltung Ulm (1953–1968). So entstand 1970 auch in Hessen ein eigenständiger, neuer Hochschultypus für die Ausbildung von Gestalter*innen: die Hochschule für Gestaltung Offenbach. Keine Kunsthochschule und keine Fachhochschule, sondern offen für den Versuch, in einem eher interdisziplinär angelegten Umfeld die Verschränkung von gestalterischer Theorie und Praxis neu zu interpretieren.
In diesem neuen Ausbildungskontext gab es keine Keramikklasse mehr. Lore Kramer begleitete zwar weiterhin gestalterische Projekte und Prozesse und blieb hochschulpolitisch aktiv. Ihr neuer Fokus aber war das Thema Designgeschichte.
Im Spannungsfeld neuer Entwicklungen in der Designtheorie, ökologischen Herausforderungen und Alternativdesign blieb Lore Kramer inhaltlich sehr präsent. Oberflächlicher Funktionalismuskritik ließ sie keinen Raum. Und die Frage nach sozialer und gesellschaftlicher Relevanz gestalterischer Projekte stellte sie auch dem in Offenbach verfolgten Ansatz eines »Erweiterten Funktionalismus«. Der Diskurs – nicht immer einfach für alle Beteiligten – blieb durch ihre Persönlichkeit und Kompetenz nachhaltig geweitet.
Alltagstauglichkeit wie Alltäglichkeit des Design waren ihr zentrale Aspekte – Design immer »Die Formgebung des Nützlichen« (so der Titel eines kleinen Bandes von Hans Eckstein, den sie den Studierenden im Seminar empfahl). Auch diese Perspektive hochaktuell, heute verhandeln wie sie oft unter dem Begriff der „Usability“.
Und insofern war Designgeschichte, das von ihr an der HfG Offenbach gelehrte Fach, niemals nur Vergangenes, sondern hatte immer auch Bezugspunkte zu Gegenwart und Zukunft.
Lore Kramer war zwar nicht selbst aktive Protagonistin der Neuen Sachlichkeit, kannte aufgrund Ihrer Ehe mit dem älteren Ferdinand Kramer aber – so der sich aufdrängende Eindruck – alle. Wirklich alle. Mit dieser einzigartigen Vernetzung konnte sie zu vielen der großen Namen Anekdoten und persönliche Erfahrungen beisteuern und Designgeschichte vermitteln – lebendiges Wissen jenseits der Bücher.
Der Werkbund Hessen trauert um die Gestalterin und Persönlichkeit Lore Kramer, die im März im Alter von 99 Jahren verstarb. Sie wird uns fehlen.